Stuttgart, Vorhof zur Hölle

 

 Stuttgart, Vorhof zur Hölle

Im Zug nach Stuttgart ist mir durchaus aufgefallen, daß die dieses Stuttgart ordentlich versteckt haben – es ging durch allerlei Tunnel. Die Konsequenzen wurden mir deswegen noch lange nicht klar.

Zum Hotel schien es nicht weit, einmal durch den Schloßgarten spazieren und dann irgendwie kreuz und quer. Der Schloßgarten, wir erinnern uns, Stuttgart 21, der Ort, wo älteren Herren mit dem Wasserwerfer die Augen aus dem Kopf geschossen werden, so daß sie wie unappetitliche Eingeweide hervorquellen. Meine Haare stehen ab, da hat die Polizei immer schnell eine Schere im Kopf, nichts Neues. Brav und prompt werde ich im Schrittempo auf einem Parallelweg von einem Streifenwagen verfolgt. Ich narre die Polizei ein wenig, indem ich die Richtung wechsele, unentschlossen geht’s mal vor und dann zurück und wieder andersrum, und die immer artig beiseite. Ich bin schon darauf vorbereitet, die Typen mit Ironie in den Wahnsinn zu treiben, bzw. mich mal wieder auf eine Wache, indem ich auf Fragen, was ich mache oder so, pariere: „Na, habt ihr nichts Wichtiges zu tun, müßt ihr keine Katze vom Baum retten?“ Oder: „Ist das bloße Neugier oder beruflicher Übereifer?“ Auf Übereifer reagiere ich nämlich nicht, bei Neugier denke ich drüber nach und reagiere dann auch nicht. Wer weiß, was ich im Rucksack mit mir trage, ich weiß das ja oft selber nicht. Könnt ja sein, ich wollt n Bauchloch sprengen. Und dann die Sonnenbrille, sehr verdächtig. Überraschenderweise kam die Polizei wohl von selbst darauf, daß ein Mensch, der geht, mitunter tatsächlich einfach nur geht. Da bin ich aus Hamburg ganz anderes gewöhnt.

Nach dem Schloßgarten ging es leider nicht irgendwie kreuz und quer, so eine Karte, die ist ganz flach, Stuttgart ganz und gar nicht. Rom wurde auf sieben Hügeln erbaut, Stuttgart auf ungefähr einhundertsiebzig. Die Stadt ist total schief! Als Fußgänger plagt man sich unentwegt mit schrägen Wegen, die steil bergauf führen. Hat man sich eine extrem langgezogene Steigung emporgekämpft, narrt einen die Stadt und stellt einem jäh eine Treppe vor die Füße. An derem Ende folgt der nächste Aufstieg. Ständig geht’s treppensteigend über krumme Wege nach oben. Eine einzige Tortur. Erholsame Abstiege nimmt man schnell wahr als Vorwarnung zur nächsten Anhöhe.

Reinhold Messner mag das gefallen, wenn aber die Beine nicht so recht mitmachen, man gar gehbehindert ist, ist Stuttgart der pure Horror. Wollte man die Stadt behindertengerecht gestalten, müßte sie gründlich planiert werden. Dazu bräuchte es einen Meteoriteneinschlag. Für Behinderte ist diese Stadt gar nichts, mir sind auch kaum welche begegnet. Mit dem Rollstuhl ist man hier zum Scheitern verurteilt. Wäre ich Stuttgart, ich würde Behinderte nicht allein durch Schieflagen und Stufen verhöhnen, ich würde mich konsequent „Sportstadt“ nennen. Hier wird jeder zwangstrainiert oder gefoltert.

Nicht ohne Grund bietet Stuttgart ganz, ganz viele öffentliche Verkehrsmittel. Ich neige aber nicht nur zur hauptamtlichen Selbstquälerei, weil ich schlecht zu Fuß bin, als Wochenendtourist möchte ich auch ordentlich was zu Gesicht bekommen, nicht U-Bahn fahren, um mir ganz, ganz viele Tunnel anzugucken.

Zugegeben, Stuttgart ist eine ausgesprochen schöne Stadt, sie protzt ganz prächtig. Sehenswerte Prunkbauten alter und neuer Zeiten, wo man nur hinschaut. Alle fünf Meter Brunnenanlagen, Wasserspiele, Plätze, Parkanlagen, Großkunstwerke. Wo andernorts eher Zurückhaltung gewahrt wird oder die Sparsamkeit regiert, kommt dieser Stadt das Geld mächtig zu den Ohren raus. Allerdings: All diese Pracht und Herrlichkeit, die schöne Illusion von Lebensqualität, ist verordnet, geplant, den Menschen in Selbstherrlichkeit aufgezwungen. Individualität, Nonkonformismus, gar einen Hauch von Anarchie sucht man in Stuttgart vergeblich. Als Forscher in Sachen Streetart war ich schier entsetzt, eine derart cleane Großstadt vorzufinden. Eine alternative Szene, kritische Haltung, vielleicht sogar Linksradikalität, setze ich da einfach voraus. Stuttgart ist immerhin die sechstgrößte Stadt Deutschlands und bietet mit Daimler, Porsche, Bosch schöne Angriffsflächen. Es muß eine alternative Szene geben. Gefunden habe ich sie nicht, vor allem aber keine Zeugnisse im Stadtbild. Bis auf ein paar Aufkleber auf Verkehsschildern und hingekritzelten S21-Widerstand konnte ich nichts entdecken. Alles gesehen habe ich zwar nicht an einem Wochenende, und die Qualen der Fußmärsche waren nach dem ersten Tag schon kaum mehr zu ertragen, so daß ich mich fast auf einem religiösen Pilgermarsch wähnte, als ich Sonntag von allerlei Glockengeläut in Grund und Boden gebimmelt wurde. Ich habe aber nicht einen einzigen Beleg von Streetart entdeckt. Keine hingeklebte Kunst, keine Stencils, kein Grafitti, nicht einmal eine einer ollen Statue augenzwinkernd angehäkelte Socke. In versteckten Ecken lungerte höchstens mal eine Cracknutte, selbst die blieb bieder brav und griff mir nicht geschäftstüchtig in den Schritt. Lediglich einige einsame verlorene Tags habe ich gefunden, bestimmt von einem Berliner Krawallkid auf Elternbesuch.

Stuttgart ist abstoßend ordentlich, sauber, geleckt, spießig. Als gäbe es gar keine Menschen. Ließe man die weg, würde man keinen Unterschied im Stadtbild bemerken. So stelle ich mir den Vorhof zur Hölle vor: Ein falsches Heilsversprechen, das einen lockt mit schönem Schein und Sein, einen fußläufig allerdings auf die Bußen einstimmt, die man für sein Dasein abzugelten hat. Der nächste Amoklauf ist ganz sicher hier zu erwarten.

(erschienen unter „Als gäbe es keine Menschen / Stuttgart, ein Ausflug in den Vorhof zur Hölle“ in junge Welt, 27.07.2013)
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s